19. Juni 2020 | Trends

Eine Branche im Umbruch: Warum in der Kälteindustrie nichts beim Alten bleiben wird

Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit sind längst keine Nice-to-Haves mehr. Der Klimawandel mit all seinen Folgen ist in der Mitte der Gesellschaft und im Business-Alltag angekommen. Green Deals haben nichts mit reiner Gewissensberuhigung zu tun, sondern werden zum integralen Bestandteil wirtschaftlicher Entscheidungen. Selbst während Krisenzeiten wie der COVID-19 Pandemie sind nachhaltige Investments erfolgversprechender als traditionelle Investment-Portfolios. Felix Herrmann, CFA der Vermögensverwaltung BlackRock sagt es im Mai 2020 ganz deutlich: Je eher ein Geschäftsmodell von den parallelen Megatrends der Nachhaltigkeit […] profitieren kann, desto höher die Outperformance seit dem Ausbruch der Krise.

Auch in der Kältebranche zieht die Morgendämmerung auf. Diese auf den ersten Blick unscheinbare Branche trägt erheblich zur Entwicklung des Weltklimas und der Umweltbelastung bei. Geschuldet ist dies vor allem energieintensiven Kälteprozessen, die durch ihren enormen Stromverbrauch viel CO2 freisetzen. Dazu kommt die Problematik erheblich klimaschädlicher Stoffe, die in Kältemaschinen und Klimageräten als Kältemittel eingesetzt werden.

Dieser Blog-Beitrag erläutert die Risiken und aktuellen Herausforderungen, die herkömmliche und Kältemittel und konventionelle Technologien in der Kälteindustrie mit sich bringen. Des Weiteren wird dargestellt wie zukunftsorientierte Player den Wandel mit CleanTech-Lösungen proaktiv gestalten. Und wie diese dazu beitragen können, dass Kältetechnik klimaneutral funktioniert und somit zum Vorreiter für eine nachhaltige Zukunft werden können.

Das Risiko des vermeintlich Altbewährten: Wie geht die Kälteindustrie mit der neuen Ära um?

Eines ist sicher: Alle Zeichen stehen auf Wandel. Globale Klimaziele wurden vereinbart, die sich mit den derzeitigen technischen Standards in der Kälteindustrie nicht einhalten lassen. Zusätzlich fordern Regierungen auf der ganzen Welt die schrittweise Begrenzung klimaschädlicher Kältemittel, sogenannter F-Gase oder HFKW.

Diese gesetzlichen Anforderungen wurden bereits global beschlossen (siehe auch Kigali Beschluss und Montrealer Protokoll) und zum Großteil lokal umgesetzt (z. B. in Form der F-Gase-Verordnung oder EU-Verordnung Nr. 517/2014 über fluorierte Treibhausgase).

Wie wird der F-Gase-Phasedown die Kältebranche verändern?

Lesen Sie in diesem Blogbeitrag, wie die F-Gase-Verordnung die Kältebranche verändern wird.

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Damit steht die Kälteindustrie vor einer gigantischen Herausforderung: sie muss sich neu erfinden, um den Ansprüchen von Regierungen und Investoren in puncto Nachhaltigkeit gerecht zu werden. Weniger CO2-Emissionen, klimaneutrale Kältemittel und mehr Energieeffizienz sind gefragt – und dazu noch alles auf einmal. Es geht um nichts weniger, als dass jeder Hersteller neue, nachhaltige Technologien und zukunftsfähige Geschäftsmodelle finden muss, um sein langfristiges Überleben zu sichern. Wie geht die Kältebranche damit um?

Die Reaktionen sind gemischt. Wie so oft in Zeiten der Unsicherheit, ist die Landschaft auch von dem Festhalten an alten, vermeintlich bewährten Praktiken geprägt. Zwar kann die Branche mit der alten Technologie die neuen Ziele nicht erreichen, doch die Last historischer Investments wiegt schwer. In der Vergangenheit wurden große Summen in die Forschung der heute gängigen Kältetechnik investiert. Die Hersteller fusionieren und kooperieren in der Weiterentwicklung synthetischer Kältemittel, anstatt nach langfristigen Alternativen zu suchen. Dadurch entstehen große Monopole, die unter anderem noch die Macht haben Umweltschäden vor Gesetzgebern zu verschleiern.

Zudem haben die letzten Jahrzehnte einige bedeutende Merger & Acquisitions gesehen. Hersteller von synthetischen Kältemitteln wurden zunehmend durch große Hersteller von Kälteanlagen übernommen. Das japanische Unternehmen Daikin kaufte beispielsweise erst 2015 die Geschäftsfelder für synthetische Kältemittel der Solvay Special Chemicals mit 75 Mitarbeitern. Eine Investition, die sich erst einmal amortisieren muss. Wer will da das Rad schon gerne wieder zurück drehen?

Ein Großteil der Aktionäre will es vermutlich nicht. Der Fokus auf nachhaltige Investitionen fällt kaum ins Gewicht, wenn er gegen die kurzfristige Profitmaximierung antreten muss. Der börsengetriebene Fokus auf schnelle Profiterzielung, verstellt gern den Blick auf das langfristig Wesentliche und macht Prozesse träge. Das bremst Innovation in der Kälteindustrie. Wirklich nachhaltige Lösungen und innovative Technologien sind zwar unumgänglich, im Hier und Jetzt scheinen sie dennoch zu risikobehaftet. Noch beherrscht der Blick auf das nächste Quartal einen Großteil der Kältebranche.

Es ist ein Spiel auf Zeit… Einerseits sind die Möglichkeiten endgültig ausgegangen, um innerhalb des Chemiebaukastens synthetischer Kältemittel noch eine gesetzeskonforme Lösung für die Vorgaben des Phasedowns zu finden. Andererseits ist die Umsetzung des Phasedown noch nicht überall gleich weit – und der Druck des EU-Marktes allein ist für die Kälteindustrie und ihre Investoren nicht groß genug.

Gefährliche Traditionspflege: Obskure Geschäftspraktiken im Handel mit Kältemittel statt technologischer Innovationen

Ein Umstieg ist leichter gesagt als getan. Und eine weitere Regelung bestärkt die teils zögerliche Haltung gegenüber neuen Technologien und Kältemitteln momentan noch zusätzlich. Da bis 2030 auch die Wiederverwendung von recycelten F-Gasen legal ist, können recycelte F-Gase prinzipiell also trotz des Phasedown weiter eingesetzt werden. Jedoch tun sich selbst bei der legalen Wiederverwendung neue Herausforderungen auf – so sind etwa kaum Wissen und Kapazitäten zum Recycling von Kältemitteln vorhanden.

Noch gefährlicher als die Zurückhaltung der Branche ist ein anderes Phänomen, das sich momentan in der Kältebranche abzeichnet: einige wenige Marktplayer kauften zuletzt F-Gase im großen Stil, um sie heute mit hohen Gewinnmargen weiter zu verkaufen. Dadurch sind die Preise für HFKW mit Beginn des Phasedown sprunghaft angestiegen.

Die hohen Preise und die laxe Kontrolle der F-Gas-Quoten lassen den illegalen Handel klimaschädlicher Kältemittel florieren. HFKW aus unsicherer Quelle machen bereits 20-30 % der aktuell verfügbaren Kältemittel aus, Verkauf und Nutzung belasten den Handel mit Kältemitteln zusehends. Dies birgt nicht nur zahlreiche Risiken, es droht auch ein abruptes Ende, sobald ein besserer Überwachungsprozess greift.

Konkret heißt das: Wenn Kontrollen besser funktionieren, wird etwa ein Viertel der Kältemittel auf dem Markt wegfallen, da illegal eingeführt. Dies wird die Verknappung der F-Gase innerhalb kürzester Zeit extrem zuspitzen und die Preise noch weiter in die Höhe treiben. Auf lange Sicht drohen Unternehmen außerdem Strafen und der Umwelt schwere Schäden, verursacht durch veraltete Technologie und die anhaltende Verwendung von HFKW.

Kurzum: Auf der einen Seite üben sich die großen Player noch in Zurückhaltung und fragwürdige Geschäftspraktiken verlängern die Verwendung klimaschädlicher Kältemittel. Auf der anderen Seite wächst die Dringlichkeit einer besseren Energiebilanz, umweltfreundlicher Kältemittel und einem nachhaltigen Plan für die Zukunft. Die Kälteindustrie steckt mitten in einer der größten Transformationen ihrer Geschichte und Schritt zu halten ist alles andere als einfach. Nur echte, allgemein verfügbare Innovation mit natürlichen Kältemitteln kann dieses Dilemma lösen.

Die Transformation der Kälteindustrie

Das Potential der Kältebranche von morgen: Energieeffizient, sauber und klimaneutral dank innovativer Technologie

Die gute Nachricht? Spezialisierte Technologieunternehmen haben den Wandel bereits früh vorhergesehen und entwickeln CleanTech-Lösungen, die mit viel geringerem Stromverbrauch funktionieren. Bei der klimaneutralen Bluezero Technology sind es sogar   20% und mehr an Energieeinsparung, was wiederum zu wesentlich geringeren CO2-Emissionen bei der für die Kälteerzeugung benötigten Energie führt.

Neben einer stark verbesserten Energiebilanz funktioniert die Kältetechnologie der nächsten Generation mit natürlichen Kältemitteln. Die momentane State of the Art der Kältetechnik sind allerdings noch Kältemittel mit sowohl hohen GWPs als auch Low GWP (Global Warming Potential oder Treibhauspotential) aber schwerwiegenden Nebenwirkungen. Natürliche Kältemittel wie Ammoniak (NH3), Kohlenwasserstoffe (HC) oder Kohlendioxid (CO2) zeichnen sich dank des sehr geringen Treibhausgaspotential vor allem dadurch aus, dass sie selbst bei Entweichen kaum Gefahr für das Klima darstellen.

Das vielleicht natürlichste Kältemittel Wasser (R718) hat sogar einen GWP von 0, also kein Treibhauspotential, und ist zudem weder giftig noch brennbar. Stellen Sie sich vor, an einer defekten Kälteanlage entweicht das Kältemittel R718. Natürlich muss das Leck behoben werden – aber zum Aufwischen genügt erst einmal ein Lappen. Damit ist es als einziges natürliches Kältemittel auch für den Menschen vollkommen ungefährlich.

Mit Wasser als Kältemittel wurde auch ein weiteres Problem der Kälteindustrie gelöst. Es ist überall und in großem Stil verfügbar. Technologie und Kältemaschine können serienmäßig produziert werden und bieten so eine echte Alternative zu den weitverbreiteten HFKW und Low GWP’s.

Verändern statt verändert werden: Den Wandel proaktiv mitgestalten lohnt sich

Trotz ihrer langen Tradition: bestehende Kältetechnologien und klimaschädliche Kältemittel werden mit zunehmender Geschwindigkeit verschwinden. Momentan sehen wir noch an vielen Stellen, dass die Kälteindustrie darauf kaum vorbereitet ist und sich teilweise sträubt oder sich noch nicht genügend mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

Die Welt und insbesondere die EU haben allerdings einen klaren Fahrplan für die Zukunft der Kältebranche entworfen. Die Kältebranche soll die Rolle des stillen Klimasünders endlich ablegen, denn ihre Verantwortung im Gesamtbild einer nachhaltigen Zukunft ist zu bedeutend, um vernachlässigt zu werden. Um das zu erreichen, werden natürliche Kältemittel zunehmend eingesetzt und lösen die synthetischen Kältemittel in den kommenden Jahren ab.

Energieeffizient, natürlich, klimaneutral und zukunftsweisend – so könnte die Beschreibung der Kälteindustrie also schon bald lauten. Dies wird schrittweise gesetzlich verordnet, was aber nicht heißt, dass die Branche es nicht auch als Chance nutzen und frühzeitig in neue Technologien investieren kann. Nun liegt es an Herstellern, Anwendern, Partnern und Investoren, wie schnell die Kälteindustrie eine Vorreiterrolle im globalen CleanTech-Markt einnimmt. In diesen Wandel zu investieren, lohnt sich übrigens mehr denn je: der Marktwert der Kälteindustrie bis 2030 liegt bei geschätzten 170 Milliarden US-Dollar.

Die Kälteindustrie im globalen Clean-Tech-Markt